...über den Wert der Liebe. Heute und Gestern.

 

 

"Die jungen Leute geben zu schnell auf." hör ich die ältere Dame beim Bäcker zu ihrer Bekannten sagen. Ihre Tochter lässt sich scheiden.

 

Stimmt das?

Oder ist es vielleicht einfach nur schwieriger geworden, glücklich zu sein?

 

 

Ich musste an meine Großtante und ihren Mann denken. An Heinz und Hanni: die tapfersten Menschen der Welt...zumindest für mich.

 

 

Hanni erzählt mir oft von ihrem Kennenlernen. Damals auf der Faschingsfeier in Thüringen.

4 Jahre später sagen sie JA zueinander, JA zu einer Familie. Aber der Kinderwunsch bleibt unerfüllt. Wie ungerecht. Aber sie klagen selten.

Kümmern sich stattdessen aufopferungsvoll um uns: die Kinder, Enkel und Urenkel ihrer Schwester - und sind glücklich dabei.

 

Sie lieben das Leben. Trotz der kleinen Stolpersteine und der vielen Arbeit. Doch dann (vor etwa 15 Jahren) bröckelt das Glück. Ein Streit entzweit Hanni und ihre Schwester - Heinz wird krank. Ein Hirntumor.

 

Wo andere Frauen eine ganze Schar an helfenden Verwandten haben, hat Hanni im Grunde nur sich (und ihre Nichten und Neffen aus der Ferne).

 

Die Ärzte geben Heinz auf. Hanni nicht. Zu Hause bringt sie ihm das Sprechen, das Lesen, das Essen, das Gehen - einfach alles - mühevoll wieder bei. Und hält ihr Versprechen, an ihrer goldenen Hochzeit mit Heinz zu tanzen.

 

Einige Jahre später erleidet Heinz einen Schlaganfall und wird erneut zum Pflegefall. Doch Hanni - mittlerweile 80 - kämpft für ihn. 

Und heute bin ich sicher, dass Heinz auch für sie gekämpft hat. 

 

Nach weiteren schwierigen aber immerhin gemeinsamen Jahren - in denen sich meine Tante so unglaublich selbstlos um ihren Heinz im Rollstuhl gekümmert hat - kommt der Krebs zurück. Lungenkrebs.

 

Heinz stirbt am 10. Februar 2016 (meinem Geburtstag) im gemeinsamen Schlafzimmer an der Seite seiner Hanni, nach 67 (gem)einsamen Jahren. Zwei Tage vor ihrem Kennenlerntag. 

Als Heinz abgeholt wird, steckt Sie ihm ihr Foto und eine Blume in die Brusttasche seines Schlafanzuges, damit er auf seinem Weg nicht allein ist...

 


Ich werde nie vergessen, wie sie mir am Telefon dankbar erzählte, was für ein GLÜCK sie in ihrem Leben hatte. Wegen ihm.

 

Und dann schäme ich mich. Für mich. Und meine ganze Generation.

Für die Maßlosigkeit und Unzufriedenheit, die uns gelegentlich innewohnt und von der wir uns leiten lassen. 

 

Stattdessen sollten Liebe und Dankbarkeit unser Mantra sein! Oder?

 

Tante Trudi

#kopfkarussell

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Formundfarbe (Mittwoch, 24 Februar 2016 22:24)

    Ach Trudchen,wie schaffst du es nur mit wenigen Worten so klug und berührend zu schreiben.Und ja,wir sollten uns viel öfter vor Augen führen,was wichtig und wertvoll in unserem Leben ist.Und nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen und zum unnötigen Streit werden lassen.Schade um die Zeit.

  • #2

    Ingrid (Montag, 07 März 2016 13:07)

    Nun konnte ich diesen Text nochmals in Ruhe lesen. Vielen Dank!
    Ein sehr schönes Blog, ich werde öfter darin lesen!
    Herzliche Grüße von Ingrid